Coaching-Geschichten

Die uneinsichtige Assistentin

Frau Berg war eine ausgesprochen angenehme Person. Ich kannte sie bereits aus der Teilnahme an dem Seminarmodul „Erfolgskonzept Frau Teil 1“. Sie arbeitete damals als Assistentin der Geschäftsleitung und war mir durch ein „Dauerlächeln“ und eine extrem zurückgenommene Stimme aufgefallen. Auf Grund dieser Stimm-Situation klang sie oft, als sei sie heiser oder behaucht. Ansonsten in ihrer Erscheinung taff und modern erfüllte sie irgendwie das Bild der ewig netten Nachbarin von nebenan. Etwa ein halbes Jahr nach dem ersten Seminarbesuch meldete sie sich bei mir zum Coaching. Ihre Firma hatte ihr gekündigt, und sie hatte eine entsprechende Abfindung erstritten. Nun wollte sie herausfinden, wie es in ihrem Leben weitergehen soll.

An unserem ersten Termin öffnete sie die Tür und strahlte mich an. Mit weichem Blick und ausdrucksstarken Augen in ihrem wirklich hübschen Gesicht erzählte mir die Mittdreißigerin von sich, ihrem Partner, ihrem kleinen Sohn und ihrem Berufsleben. Sie war als Assistentin der Geschäftsleitung ursprünglich einmal besonders für den Bereich der Auslandskorrespondenz eingestellt worden, nach und nach hatte sie sich aber immer mehr in der Ecke der „Kaffee-Kocherinnen“ wieder gefunden und wusste selbst nicht so recht, wie sie dort gelandet war. Sie wollte sich eine Auszeit nehmen, in der sie für sich herausfinden wollte, wie die Zukunft aussehen soll.
Wir begannen das Coaching in zwei Bereiche aufzuteilen: die berufliche Entwicklung und ihre Präsenz. In dem ersten Bereich checkten wir erst einmal ihre Ressourcen, definierten ihr Können, klärten was sie nicht mehr wollte und was umso mehr. Hier kam klar heraus, dass sie nie wieder in den Bereich der Assistentin rutschen wollte, die keine Verantwortung hatte, sondern eher nette Dienstleisterin war. „Nie wieder“, sagte Frau Berg und sah mich dabei lächelnd an. Leicht gekrümmt saß sie da auf dem Stuhl, nickte noch einmal und wiederholte freundlich „Nein, Frau Wiedeck, nie wieder“. Ihre weiche Stimme schwang leise im Raum nach. Ich schaute sie eine Weile an. „Ich glaube Ihnen das nicht“ antwortete ich, „Sie klingen, als ob es nichts Schöneres gäbe.“ Ihr Blick erstarrte in ihrem Gesicht. „Nein wirklich, ich will so nie wieder arbeiten“ lächelte sie mich weiterhin an. „Und wissen Sie was“, ihre Finger nestelten an ihrer Bluse, „ich möchte auch nicht mehr, dass mich alle so nett finden. Ich WILL gar nicht immer nett sein“ himmelte sie mich an und lächelte noch breiter als vorher. Sie war einfach entzückend, so, wie sie da saß und dies sagte. „Alles klar“, sagte ich und stellte einen großen Spiegel vor sie. „Sagen Sie dies bitte noch einmal.“ Sie kicherte: „Das geht nicht, nun muss ich aber Lachen“. „Versuchen Sie es“ ermunterte ich sie. Frau Berg tat ihr Bestes, natürlich stetig lächelnd mit samtweicher Stimme und Zähnen, die die Worte kaum in die Welt hinaus ließen, sehr schöne Zähne übrigens. Sie sagte sich den Satz 3, 4 Mal vor dem Spiegel. Dann sah sie mich an „Das kann ich so nicht, da muss ich dauernd grinsen“. „Frau Berg“, sagte ich leise, „Sie lächeln auch ohne Spiegel dauernd“. Für einen Moment gefror ihr Lächeln in dem hübschen Gesicht. „Echt?“ kam ganz leise. „Echt“ sagte ich. Und damit begann ein interessanter Weg.

Wir arbeiteten an ihrer Stimme. Nach und nach hörte sie selbst, dass sie wie ein Mädchen klang und sich selbst in ihrer Lautstärke ständig zurücknahm. Sie übte, nicht ständig zu lächeln, sondern nur dann, wenn es was zum Lachen gab. Ihr privates Umfeld reagierte entsprechend und die Schwiegereltern waren „not amused“, ging ihnen hier wohl offensichtlich ihre ach so nette und umgängliche Schwiegertochter verloren.
In den Sitzungen reflektierten wir die Entwicklung. „Wie fühlen Sie sich denn dabei, wenn Sie ernster an die Dinge herangehen?“, „Besser“, antwortete sie, „ach wissen Sie, ich kann auf einmal Dinge, die mir wichtig sind, besonders in der Erziehung unseres Sohnes besser sagen.

Es fühlt sich eher an, wie eine Forderung, nicht wie eine Bitte. Und ich bin doch die Mutter, also kann ich doch bestimmen, wie mein Sohn erzogen wird und nicht die Schwiegereltern, oder?“ Ich schwieg. Oder? „Na klar“, antwortete sie selbst, „das kann ich.“ Ohne Lächeln, wenn auch noch sehr leise. „Und Ihr Mann? Wie geht es ihm mit Ihren Veränderungen?“ fragte ich vorsichtig. Oft ist es nämlich das private Umfeld, welches uns ausbremst. Besonders Muster in den Familienbeziehungen kleben wie Honig an den Menschen und lassen sich besonders schwer lösen. „Mein Mann findet das gut“, lächelte sie ,und hier schien sie allen Grund zu haben. „Der freut sich, dass nicht immer er alles allein durchsetzen muss“. „Na Prima“, antwortete ich. „Wissen Sie, Menschen, die es wirklich gut mit Ihnen meinen, werden Sie in Ihrem Wachstum unterstützen, weil Sie es selbst wollen. Wer damit ein Problem hat, hat letztendlich eines mit sich selbst.“ Sie nickte und wir arbeiteten weiter. Wir übten Bewerbungsgespräche, es fiel ihr schwer, alle ihre Kompetenzen laut und deutlich auszusprechen. Das Thema Lautstärke war sowieso für sie ein Thema für sich. Ich ging einen anderen Weg mit ihr: bei einem Termin sollte Sie musikalisch „Wenn alle Brünnlein fließen“ nur auf den Silben „JoJa“ laut rufen. Ich öffnete das Fenster und ihre Stimme hatte die Aufgabe, bis in den sich zwei Häuserreihen weiter befindenden Garten zu klingen. Dazu saß sie auf einem großen Plexiball und hüpfte rhythmisch mit und… plötzlich geschah ein Wunder: ihr Mund öffnete sich und ihre Stimme füllte laut und frei und tief und ungehemmt den Raum. Frau Berg erschrak ein wenig vor sich selbst, doch ich lies sie dies gleich wiederholen und brüllte die zweite Stimme dazu in den Raum. „Rufen Sie gegen mich an“ warf ich ihr laut zu und startete erneut und gab her, was ich an Lautstärke konnte. Es dauerte einen Moment, aber auf einmal formte sich ihre Stimme noch lauter und sehr kraftvoll. Wie eine Indianerin klang sie auf einmal, stark und mächtig meterte sie die Silben in den Raum, voller Spaß und Enthusiasmus. Wir brüllten das Lied bestimmt 8 Mal, dann stoppte ich und Frau Berg atmete laut aus. „Boah, das hat Spaß gemacht“, sagte sie grinsend. Sie war kein bisschen heiser. Wir wiederholten Lautstärkeübungen fast bei jedem neuen Training. Ich fuhr mit ihr auf eine große Wiese und sie las einem Baum, der bestimmt 30 m weit weg von ihr stand, ganze Geschichten vor. Ich stand neben diesem Baum und konnte sie gut verstehen. Wir riefen über die Wiesen uns gegenseitig Texte zu, Frau Berg sang voller Freude Lieder, die durch die Natur klangen. Menschen kamen vorbei und blieben stehen und klatschten. Sie mochte es, und ich fand sie toll.

Dann rief sie eines Tages an und sagte, sie wisse nicht, ob sie zu unserem Termin kommen könne. Sie habe ein sehr kurzfristiges Stellenangebot bekommen und müsse nun schnell alles für den Einstellungsbeginn noch regeln, Kinderbetreuung, Fahrten des Sohnes zum Kindergarten usw. Sie klang sehr zerknirscht. Ich sagte ihr, dass sie das natürlich selbst entscheiden könne, reflektierte ihr aber auch, dass ich nicht das Gefühl hätte, dass sie sich über die neue Stelle freue.
Sie schwieg und sagte nach einer Weile: „Ich komme zu unserem Termin.“ Dann legte sie auf und erschien pünktlich nachmittags zu unserem Coaching. Sie war sehr ernst und fing an zu erzählen. Sie wurde bei einem Bewerbungsgespräch ausgesucht, welches sie für unsere Coachingstrategien als Übung genutzt hatte. Sie wollte diese Stelle gar nicht unbedingt, hatte sich aber vorgenommen, präsent und laut, mit tiefer Stimme und ohne Lächeln dort die neuen Körpermuster zu üben, die wir so hart erarbeitet hatten. Und dann wurde gerade sie ausgewählt, als einzige von allen anwesenden Bewerberinnen. Sie könne in einigen Tagen anfangen, das Geld würde auch stimmen, sagte sie leise. Ich schwieg. Was war der Haken? „Es ist eine Stelle als Assistentin.“ Ihre Stimme stockte. Meine auch. Ich schluckte. „Aber, es ist gutes Geld, und dann habe ich endlich wieder was. Wer weiß, wann und ob ich wieder eine Chance bekomme“ stieß sie schnell hinter den Zähnen hervor. Ich schwieg immer noch. Sie sah mich nicht an. „Ich werde das jetzt machen“, fast trotzig klang sie und schob sogar ein wenig die Unterlippe vor. „Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach“ …Stille… “sagen auch meine Schwiegereltern“. Nochmals Stille. Aha. Ich verstand. „Geht es Ihnen gut bei Ihrer Entscheidung?“ fragte ich leise. Wieder Stille. Eine ganze Weile. Ich wartete und hielt diese Minuten gemeinsam mit ihr aus. Dann brach es heraus. Sie fing ganz bitterlich und laut und ungehemmt an zu weinen. Ich reichte ihr ein Taschentuch. Meine Aufgabe als Coach ist es, die Personen zu stärken, die sich mir anvertrauen, ihnen neue Wege aufzuzeigen, die diese Personen gehen können, wenn sie dies wollen und sich dafür entscheiden und vor allem ist es meine Aufgabe, ihnen ihr eigenes Entwicklungstempo zuzugestehen und mich besonders in diesem Aspekt nicht einzumischen. Nein, ich halte mich besonders hier knallhart heraus. Jeder Mensch braucht die Zeit, die er eben braucht. Und besonders die Auflösung alter Muster kann sehr schmerzhaft sein und tiefste Verletzungen in uns wieder sichtbar machen, Verletzungen, die wir über viele Jahre verdrängt haben. Also schwieg ich. Nachdem sich Frau Berg etwas beruhigt hatte, fragte ich sie: „Was werden denn dort Ihre Aufgaben sein?“ Sie sagte nichts und dann prustete sie los „Vermutlich Kaffee kochen“. Ich blieb ernst, nahm das Flipchart und bat sie aufzuschreiben, was sie beruflich nicht mehr tun wollte. Daneben sollte sie erneut aufschreiben, was sie tun wollte. Kaffeekochen war nicht dabei. Sie starrte das Flipchart an und schien sich zu sammeln. „Ich will das gar nicht“ stellte sie auf einmal fest. Sie streckte sich und die Worte begannen aus ihr herauszupurzeln. „Ich will das gar nicht. Deshalb fühlte ich mich so schwer, so schwach seitdem ich das Angebot bekommen habe. Nur irgendwie hatte ich das Gefühl, dass von mir erwartet wird, dass ich diesen Job annehme. Besonders meine Schwiegereltern haben sich dahingehend geäußert.“ Nun begann sich ihre Anspannung zu lösen, und ziemlich schnell wurde ihr klar, was ich bereits auf der Empathie-Ebene gespürt habe. Sie war im Begriff, eine Entscheidung zu treffen, die sie in genau dasselbe Muster manövrieren würde, welches sie so verzweifelt versuchte zu verlassen. Und offenbar sah ein Teil ihrer Familie sie eben auch genau dort, wo sie sich nicht mehr sah. Wir übten gemeinsam, wie sie ihre Entscheidung dem „Familiengremium“ mitteilen wollte. Sie wollte sich gar nicht auf Rechenschafts-Diskussionen einlassen, schließlich war sie alt genug, um die volle Konsequenz für ihr Verhalten abschätzen zu können. Das Gespräch mit ihrem Mann verlief wie erwartet sehr positiv. Er unterstütze sie darin, diesen Job nicht anzunehmen und hatte sich sowieso gewundert, warum sie ernsthaft darüber nachdachte, wollte sie aber nicht beeinflussen. Den Rest der Familie stellte sie vor vollendete Tatsachen. Mit fester Stimme und für ihre Verhältnisse sehr laut lies sie sich auf keine Diskussionen ein.

3 Monate später hatte sie eine neue Stelle gefunden, als Abteilungsleiterin mit Auslandsverantwortung. In einem meiner Auffrischungsseminare habe ich sie nach ca. einem Jahr wieder getroffen. Sie wirkte immer noch sehr präsent, wenn sich auch ihre kraftvolle Stimme wieder etwas zurückgezogen hatte. Lächeln allerdings tat sie nur noch dann, wenn sie wirklich Grund dazu hatte. Und den hatte sie, denn es ging ihr in ihrem neuen Job richtig gut.