Coaching-Geschichten

Liebe?

Als sie zur Tür hereinkam, erstaunte mich ihre imposante Erscheinung. Sie war groß, sehr groß für eine Frau, mit wirklich ausladenden Hüften und Oberschenkeln. Als ob sie ihre körperliche Präsenz noch unterstreichen wollte, fegte sie in das Café, in welchem wir uns für ein Erstgespräch verabredet hatten. Sie trug einen langen Mantel und einen Hut, der ihr etwas altjüngferliches verlieh. Die klugen Augen hinter der strengen Brille strahlten mich an, während sie schwungvoll ihre Tasche auf den leeren Platz an meiner Seite knallte und mir auf die Schulter hieb. „Hallo Frau Wiedeck“, eine leicht schrille Stimme tönte laut durch den Raum. „Super, dass es geklappt hat mit uns beiden, ich freu´ mich ja so“. Ausufernd zog sie den Mantel aus, strich sich über die voluminösen Oberschenkel und lies sich auf den Stuhl fallen. „Was trinken wir denn“, nahm sie sofort die Initiative in die Hand. „Kaffee?“ ich schüttelte den Kopf. „Ich hab schon bestellt“. „Ach sooooo“, sie lachte laut und tief gurrend, „na, macht ja nichts!“ Ihr Kopf fuhr herum, sie erhaschte sich den Blick des Kellners, das Wort „Latte“ flog laut durch den Raum. Sie wandte sich wieder mir zu. Ihr Blick wanderte über mich, meine Kleidung, meine Hände, mein Gesicht. Sie musterte mich nicht gerade diskret. Ich lächelte sie an und hielt ihrem aufdringlichen Blick stand. Sie lacht wieder etwas zu laut und begann in einer Lautstärke zu sprechen, die ohne Schwierigkeiten die benachbarten Tische an unserer Unterhaltung teilnehmen lies. Doch eine Unterhaltung wurde es nicht wirklich. SIE redete, schnell, laut, manchmal schrill, dann wieder tief und kehlig, und ohne Punkt und Komma. Als Führungskraft eines Deutschen Transportunternehmens war sie für mehrere Millionen Euro Umsatz im Jahre verantwortlich und lebte nur für ihren Job. Für diesen war sie auch nach Berlin gekommen, ihr Freund, 20 Jahre älter als sie, war in Stuttgart geblieben. Sie lebten eine Wochenendbeziehung, nein, eher Monatsbeziehung, lachte sie schallend, und das sei okay so. „Sagen Sie Sabine zu mir“, kam nach der kurzen Einleitung, dann fuhr sie fort. Ihr Chef gehe ihr mächtig auf den Keks, ständig gerate sie mit ihm aneinander. Er sei verbissen und ätzend und sie schaffe es nicht, in Auseinandersetzungen mit ihm locker zu bleiben. Von ihrem Mentor, „einer von ganz oben“ flüsterte sie über den Tisch, habe sie den Tipp bekommen, an ihrer Stimme zu arbeiten. Die werde immer sehr schrill in derartigen Auseinandersetzungen. Sie war eine ehrgeizige Frau „und ein braves Mädchen“, wieder lachte sie laut und schrill, und so suche sie jemandem, der ihr helfen könne. Sie schaute mich kurz an. Sie wolle ganz nach oben, sie wolle alle Statussymbole, die möglich sind: einen großen Firmenwagen, eine schickere Wohnung in Berlin, eine Gehaltserhöhung nächstes Jahr. Sie schreibe so gute schwarze Zahlen, dass sie dies verdient hätte und ich nickte. „Gut“, sagte ich, „fordern Sie für sich ein, was Sie möchten. Und…“ Sie fiel mir ins Wort „Ja, und dann will ich allen beweisen, was eine Frau so kann. Und Sie helfen mir dabei, nicht war?“ Dröhnendes Lachen und ihre Hand landete wieder auf meiner Schulter. Sie war schon ein Unikat, diese Sabine, und irgendwie rührte sie mich in ihrer Lautstärke, der Körpergröße, dem etwas biederen Kleidungsstil und mit ihren klugen Augen hinter der strengen Brille. Und es berührte mich ihre Stimme, allerdings unangenehm, eine Stimme, die hin und her schwang, wie eine singende Säge, die etwas Beißendes hatte und gleichzeitig leicht hysterisch wirkte. Sie war wie ein Misston in einer ansonsten starken, lockeren und energetischen Persönlichkeit. Und ich finde oft gerade die Misstöne am interessantesten.

Sie drückte mich cool in meinem Preis, wie keine zweite vor ihr und nach ihr jemals wieder. Innerhalb von Sekunden rechnete sie mir vor, warum sie mir nur so und so viel zahlen könne. Sie würde aber versuchen, das Coaching bei der Firma durchzusetzen, und mein Seminar dort platzieren. „Sie können mir ja beibringen, wie das geht, haha“ und außerdem hätte sie soooo viele Kontakte. Ich sagte zu. Nicht der Kontakte wegen.

Es begann eine aufregende Zeit. Sabine war eine Frau der Tat und buchte mich viel und häufig. Eine Zeitlang kam sie mehrmals pro Woche. Sie war sehr ehrgeizig und übte wirklich. Wann Sie dies tat, war mir ein Rätsel. Sie schien morgens um 5.00 Uhr aufzustehen und nachts, um 0.20 Uhr schrieb sie mir noch Mails. In der Mittagspause kam regelmäßig eine Personaltrainerin, denn Sabine hatte auch ihren Hüften den Kampf angesagt.
Sie war sehr ungeduldig mit sich und ihrer Stimme. Es war sehr schwer, sie in eine Entspannungssituation hinein zu bekommen. Manchmal liefen wir ewig durch die Straßen, damit sie ihre Atmung überhaupt spürte. Sie war wie eine Rakete in dauernder Startzündung, leider fehlte ihr das Gefühl für den eigenen Körper.
Nach einem halben Jahr war ihre Stimme weicher geworden, der Klang runder, nur, wenn Sabine sich emotional verlor, war der scharfe Sägeton wieder zu hören. In der Firma bereits wieder eine Stufe nach oben gestiegen, wollte sie sich einmal von einer ganz anderen Seite zeigen. Bei einem Firmenevent plante sie einen eigenen Auftritt. Ich fand die Idee toll. Während ich also Sabine zu Vorträgen und Diskussionsrunden als Coach begleitete und auf Video aufzeichnete, diese Aufzeichnungen mit ihr auswertete und bereits neue Vorträge mit ihr vorbereitete, begannen wir ein passendes Abendprogramm für sie zu entwickeln. Sabine war einmalig in ihrer Präsenz. Ein wenig Charme, ein bisschen mehr Ruhe und Durchatmen hätte ihr selbst vieles leichter gemacht. Ein größeres Vertrauen in die eigene Wirkung, ein wenig Zurücklehnen, vielleicht auch einmal die Möglichkeit, über sich selbst zu lächeln, versprach ich mir von diesem geplanten Abendauftritt für sie. Wir suchten zwei tolle Songs von Abba für sie heraus und den alten Schlager „Der alte Wolf wird langsam grau“. Diesen wollte sie in Richtung ihres Chefs singen.
Ich inszenierte mit ihr die Songs gemeinsam so, dass Sabine eine völlig andere Seite zeigen konnte. Wir bauten laszive Armgesten ein, Schritte, Augenaufschläge, eine Federboa um den Hals wirbelte durch die Luft. Das Atelier, welches mir früher meine Bühnenkostüme geschneidert hatte, zauberte für Sabine ein herrliches rotes Abendkleid mit Schlitz. Die Hüften verschwanden unter weichem Stoff, kleine wunderschöne Hackenschuhe glitzerten dezent, ich lieh ihr Bühnenschmuck und wir übten Bühnenschminken. Es machte großen Spaß an der Verwandlung Sabines teilhaben zu dürfen, und bei unserer letzten Probe vor ihrem Auftritt war ich wirklich beeindruckt. Ihre Stimme klang manchmal verrucht und tief, nicht, wie eine Sängerin, aber wie etwas, was viele Jahre eingesperrt war und nun endlich an das Tageslicht durfte.

Ich war nicht dabei bei dem Auftritt, denn er fand in Süddeutschland statt, aber es war ein voller Erfolg. Sabine rief nachts gegen 23.30 Uhr auf meinem Handy an und brüllte auf meine Mailbox, dass alle total baff waren, sie die Songs dreimal gesungen hat, danach sollte sie immer noch nicht aufhören, wollte sie auch nicht… das Telefonat brach ab. 10 Minuten später rief sie wieder an, fast weinend erzählte sie alles noch einmal, sich in der Aufmerksamkeit und des Sieges sonnend, den sie dort vor allen Kollegen errungen hatte.
Am nächsten Tag sprach ich sie persönlich und es schien mir, als ob sie sich unglaublich darüber freute, dass sie sich zum ersten Mal als Frau dargestellt hatte und nicht nur als die Kämpferin, die ganz nach oben wollte. Sie schickte mir Fotos per Mail, wir schauten uns gemeinsam die DVD an und ich war wirklich stolz auf das, was sie geleistet hatte. Als taffe Businessfrau einen derartigen Sprung zu wagen, sich alleine auf eine Bühne zu stellen, im Abendkleid, mit Federboa, vor allen Kollegen, Freunden und Feinden, dem Chef, dem Mentor und dort eine beeindruckende Performance abzuliefern, fand ich eine grandiose Leistung. Sie sah toll aus auf dem Video in dem Kleid, mit langen Handschuhen, Boa und rot geschminkten Lippen… eine andere Sabine und doch dieselbe. Die Kollegen waren baff, einige Frauen neidisch, ihr Chef sprachlos und ihr Mentor glücklich und stolz.
Nach diesem großartigen Erfolg arbeiteten wir gemeinsam weiter. Sie war nach zwei Jahren noch weiter nach oben geklettert auf der Karriereleiter, hatte einen dicken Firmenwagen, ein gutes Gehalt und eine tolle Wohnung.
Ihre Präsenz und ihre Stimme waren stimmiger geworden, ihr Kleidungsstil fraulicher und moderner und wenn sie irgendwo einen Vortrag hielt, war sie wirklich gut. Ich vermisste allerdings immer noch ein Stück Gelassenheit. Schauen Sie sich in der Natur um, unter den Menschen… die wahren „Leittiere“, „Leitmenschen“ können begeistern, reagieren, die eigene Gattung schützen und… gelassen sein. Sabine konnte genau das nicht. Und alle meine Ideen, Atempausen bewusst einzusetzen, die Diktionspausen genauer zu beachten, sogar zu zählen, um Pausen zu erspüren, halfen alle nichts. Sie kam mir vor, wie Hamster im Käfig, der den ganzen Tag rannte und rannte und darauf wartete, dass irgend jemand für sie die Handbremse zog.

Eines Tages kam sie zu mir, drückte mir schwach die Hand und fragte leise, ob sie schon Platz nehmen könne. Ich führte sie in das bekannte Zimmer und Sabine landete schlaff auf einem Stuhl. Ich schaute sie an, und hatte sie nie zuvor so gesehen. Ich holte erst einmal ein Glas Wasser. Sabine sagte lange, lange gar nichts. Das war mir so fremd, dass ich nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte. Meine Smalltalkversuche lies sie unbeachtet und so wartete ich einfach ab. Ich erwartete, dass irgendetwas Schlimmes passiert sein musste, ihr gekündigt worden ist oder sie einen Autounfall hatte… einige gruslige Szenarien formten sich in meinem Gehirn. Ich versuchte, mich zu zentrieren.
Auf einmal hob sie den Blick, der lange auf den Boden geheftet war und sah mich direkt an. „Der alte Sack respektiert mich immer noch nicht.“ Ich hob die Augenbrauen, war ich doch etwas verwundert über die herbe Ausdrucksweise, die ich so nicht von ihr kannte. Und wen in der Welt meinte sie? Ihren Chef? Ihren Mentor? „Bitte?“ fragte ich zurück. „Wer respektiert Sie nicht?“ Sie schien mich nicht zu hören. „Da hab ich nun das dickste Auto… dicker als seins natürlich, verdiene soviel mehr Geld als er, wohne in der Hauptstadt und der kriecht immer noch auf seinem Kuhkaff rum…und… er akzeptiert mich immer noch nicht!“ Fragezeichen in meinen Augen, doch Sabine war mit sich allein. „Was will er denn noch? Was soll ich denn noch erreichen, verdammt noch mal“ brach es nun aus ihr heraus. Ihr Gesicht verzerrte sich, ihre Hände drückten das Glas, dass die Knöchel weiß wurden. „Soll ich noch Präsidentin werden, oder was? Oder ins Ausland gehen? Ich mach es, ich mach es ja, wenn er mir doch einmal auf die Schulter klopfen würde und toll fände, was ich mache!!“ Die letzten Worte schrie sie nun und ich stand auf und ging zu ihr hin. Sanft legte ich meine Hand auf ihren Arm. „Wer denn, Sabine?“ fragte ich leise. „Wen meinen Sie denn nur?“: Ihr Blick hob sich zu mir und ihre Augen schienen weit weit weg zu sein. „Mein Vater“ kam ganz leise aus dem sonst so locker geöffneten Mund. „Mein Vater“, sagte sie noch einmal und sah auf einen Stuhl in der Zimmerecke, als ob er dort säße. Ich musste auch dorthin schauen und rutschte meinen Stuhl neben sie. „Schon als ich klein war, war ich ihm nie gut genug. Er wollte immer einen Sohn, keine Tochter.“ Sabine sprach jetzt sehr leise, wir beide starrten auf den Stuhl, ich konnte die Anwesenheit ihres Vaters förmlich spüren. Mir wurde unbehaglich. „Meine Mutter kam in die Psychiatrie, als ich noch ein Kind war. Sie war schwer nervenkrank und mein Vater zog mich allein auf. Er hat es immer gehasst, dass ich ein Mädchen war. Kleider kaufen, Zöpfe flechten, das war ihm alles nichts. Ich hatte immer einen fast kahl geschorenen Kopf, weil er das praktischer fand. Und Lederhosen. Die musste er nicht waschen.“ Ich schluckte und lies die Hand auf ihrem Arm. Ihre Finger zerdrückten immer noch das Glas. Ihr Blick war auf den Stuhl gerichtet. Eine Fliege flog lautstark gegen die Fensterscheibe. Im Nachbargarten jauchzten Kinder. „Ich war gerade 2, oder 3 als Mama weg war. Ich kann mich kaum an sie erinnern. Wenn ich sie dort besuchte, in diesem Haus, habe ich immer nur geweint. Irgendwann war ich nur noch wütend, weil sie mich verlassen hat. Und dann bin ich nicht mehr hin. Ich habe geschrien, getreten und getrampelt, wenn mein Vater mich Sonntags in schöne Sachen stecken wollte. Ich habe gekotzt und die Luft angehalten, bis ich umgefallen bin… irgendwann war es ihm zu viel, und ich musste nicht mehr dort hin und sie sehen. In diesen komischen Sachen, in dem Haus mit komischen Leuten, die mir alle Angst machten. Und ihre Augen, die machten mir auch Angst.“ Stille. Eine Träne fiel auf den Holzboden. Ich sah, wie sie sich dort ausbreitete und versuchte tief und ruhig zu atmen. „Ich habe versucht, es ihm recht zu machen. Ich hab die Lederhosen angezogen und nichts gesagt, als er sich ne neue Frau nahm. Auch wenn ich sie unmöglich fand, dumm und wie eine Magd hat sie alles gemacht, was er wollte. Ich habe gelernt in der Schule, wie besessen. Ich wollte ihm zeigen, dass ein Mädchen auch toll sein kann und klug. Und nicht nur verrückt oder dumm. Ich habe studiert, mich hochgearbeitet… jedes mal, wenn ich ihn besuchte, wartete ich auf ein Lächeln, ein Schulterklopfen, Anerkennung, irgend was, was mir zeigte, dass er stolz auf mich war. Nichts. Nie!“ Ihre Stimme hatte wieder den metallenen Sägeklang, der durch die Luft schnitt. Ich presste die Lippen aufeinander. „Und nun bin ich hier, in dieser Position, habe ein fetteres Auto als er, verdiene 3 mal so viel, wie er, …und? Es interessiert ihn nicht!“ Sabine schrie jetzt fast. „Ich habe ihm meinen Auftritt gezeigt, auf DVD! Er hat gelacht und gesagt, es wäre dummes Zeug, Weiberkram, und ist in seinen langweiligen Garten gegangen!!!!“ Sabine brach jetzt in hemmungsloses Weinen aus. Ich stand auf, holte ein Taschentuch, nahm ihr das Glas aus der Hand und schob das Taschentuch sanft hinein. Ich lies sie weinen. Nach einer Weile fragte ich sanft: „Und Sie? Wie fanden Sie ihren Auftritt?“. „Das ist doch egal, wenn er doch nie nie nie etwa gut findet, was ich mache!“ Sie spuckte die Worte fast in den Raum. „Nein, Sabine“, sagte ich, „ das ist nicht egal, wie Sie sich selbst finden. Das ist sogar überhaupt nicht egal. Es ist sogar sehr, sehr wichtig, dass Sie selbst erkennen, wer Sie sind, was Sie alles geschafft haben und wie toll Sie sind. Denn dem einzigen Menschen, dem Sie es nun als Erwachsene Recht machen müssen, sind in erster Linie Sie selbst. Sie selbst müssen mit sich zufrieden sein.“ Ich wartete. „Ganz besonders, wenn Sie einen Vater haben, dem Sie es nie recht machen können.“ Stille. Dann: „Und ich habe mir doch so viel Mühe gegeben, damit er mich liebt“, sagte sie ganz ganz leise. Die propere, kraftvolle Frau wirkte wie eine Puppe, aus der man die Füllung herausgenommen hat und die langsam in sich zusammensank. „Glauben Sie, dass das Liebe ist? Wenn Sie versuchen müssen, irgendwer zu sein?“ meine Frage schwebte durch den Raum und landete auf dem Stuhl, der in der Ecke stand und auf dem ich ihren Vater förmlich sehen konnte. Sie seufzte sehr sehr tief.

Nach einem langen Gespräch gab ich ihr die Adresse einer Psychologin, deren Arbeit ich sehr schätze. Die Wunden ihrer Kindheit waren zu tief, als dass diese durch ein Coaching hätten aufgearbeitet werden können.
Ich weiß nicht, was aus Sabine geworden ist. Sie hat sich bei mir nicht mehr gemeldet. Ich hoffe, sie hat ihren Frieden und die wirkliche Liebe in ihrem Leben gefunden. Verdient hat sie es. Verdient haben wir es alle.