In einem meiner Seminare begegnete mir einmal eine Teilnehmerin, die mir sofort sympathisch war. Sie hatte eine warme, angenehme Stimme, liebte das Tanzen und reflektierte viel über sich selbst und ihre persönliche Weiterentwicklung. Während des Seminars war sie ein echter Katalysator: Mit Wertschätzung, aber auch beeindruckender Klarheit brachte sie die Reflexionen anderer Teilnehmerinnen auf den Punkt. Sie begleitete das Seminar aktiv, war offen für Neues und voller Wissensdurst. Ganz am Ende des Seminars öffnete sie sich in einer Diskussion und erzählte, dass bei ihr ADS diagnostiziert worden war.

Ich hinterfrage diese Diagnose, denn ich persönlich glaube nicht an ADS oder ADHS. Für mich sind die Menschen, die in solche Kategorien eingeordnet werden, oft jene, die nicht in die Normen unserer Gesellschaft passen. Das bedeutet keineswegs, dass sie weniger wertvoll sind – im Gegenteil, sie verfügen über andere, oft außergewöhnliche Kompetenzen, die wir leider häufig nicht ausreichend schätzen.

Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie eine kreative Persönlichkeit war, deren Stärken nicht in Zahlen, Daten und Fakten lagen. Dennoch hatte sie viele Jahre genau in diesem Bereich gearbeitet – ein Umfeld, in dem sie sich schwer konzentrieren konnte und häufig Fehler machte. Dadurch hatte sich ein Bild in ihr gefestigt, das vermutlich schon in der Kindheit angelegt worden war: Das Gefühl, falsch zu sein.

Es war spürbar, dass sie dieses Muster tief verinnerlicht hatte. Dabei hatte sie eine beeindruckende Präsenz, die mich vor allem bei ihrer Abschlusspräsentation berührte. Mit ihrer warmen Stimme zog sie alle in den Bann, und ich war beeindruckt von ihrer Leistung. Doch sie selbst schien das nicht zu spüren. Nach der Präsentation weinte sie – damals wusste ich noch nichts von ihrer „Diagnose“. Ich deutete ihre Tränen als Ausdruck der Anspannung, die mit der Präsentation verbunden war. Erst später, in der Diskussion, erfuhr ich von ihrer Diagnose, und vieles wurde mir klarer.

Ich war gespannt, wie sie auf die Videoaufzeichnung ihrer Präsentation reagieren würde, die ich als Seminarabschluss gern zeige. Die Präsentation war großartig, fast makellos – und dennoch sah ich Unsicherheit in ihren Augen. Es war, als könnte sie nicht glauben, dass sie so in Ordnung war, wie sie ist.

Am Ende unseres Gesprächs sagte ich ihr, dass es vielleicht an der Zeit sei, eine alte Schublade in ihrem Inneren zu entfernen – eine Schublade, auf der in bunten, übergroßen Buchstaben stand: „Du bist nicht richtig.“ Ich habe das Gefühl, ein Teil dieser Erkenntnis drang an diesem Tag zu ihr durch.

Wir können alte Muster auflösen – Schritt für Schritt. Wir können unsere Sterne neu ordnen. Wir können die Themen, die uns prägen, nicht aus uns herausreißen. Aber wir können sie anerkennen, integrieren, betrauern, belachen und verändern.