Diese interessante Kolumne von Dr. Henrik Müller im Spiegel beschreibt die aktuelle Situation, in der sich viele Menschen befinden.

Ich möchte die große Unsicherheit, die viele Menschen erfasst hat, auch noch einmal psychologisch betrachten.

Unsicherheit, so schreibt, Herr Dr. Müller, lässt unterschiedliche Verhaltensweisen zutage treten.

Das sehe ich auch so und tatsächlich gibt es drei evolutionären Grundformen, auf die Menschen in jeglicher Stresssituation zurückgreifen: Angriff, Flucht, Erstarrung.

Als die Menschen in Scharen die Ukraine verließen, flüchteten vor der akuten Bedrohung direkt vor der eigenen Haustür, konnten wir alle das nachvollziehen und viele von uns hätten dies auch getan. Denn Flucht ist ein ganz natürlicher Instinkt, wenn wir es mit einer Gefahr zu tun haben, die wir nicht einschätzen können. Wenn uns das Wissen fehlt, wie wir mit einer Gefahrensituation umgehen könnten. Und Wissen wiederum erwächst nicht nur durch Weitergabe desselben, sondern vor allem auch durch erlernten Umgang mit schwierigen Situationen.

Ein Beispiel: Wenn ich die Erfahrung gemacht habe, einen reißenden Fluss bezwingen zu können, habe ich sehr viel weniger Angst, wenn mir ein neuer reißender Fluss begegnet.

Doch wer hat schon die Erfahrungen eines Kriegs gemacht und diese so verarbeitet, dass sie einem als Mensch Sicherheit und Handlungskompetenzen gibt? Wenige können das von sich behaupten und letztlich geht es in dem Artikel des Spiegels ja vor allem um uns Deutsche.

Wir mussten nicht fliehen, als der Krieg in der Ukraine begann, schien er doch erst einmal zu weit weg. Doch dann doch auch wieder nicht, denn seine Folgen schließen sich nahtlos an die Folgen der Corona-Krise an. Sie beängstigen uns genauso, wie die des Klimawandels, den nun auch wir hautnah und vor uns hin schwitzend zu spüren bekommen.

Mein 75-jähriger Nachbar meinte neulich, dass er eigentlich dachte, dass wenn, dann erst seine Kinder- und Kindeskinder vom Klimawandel betroffen wären. Und nun würde man das Klimaelend ja doch schon am eigenen Leib erfahren. Und wie überraschend er das fände.

Für ihn macht es also einen Unterschied, ob er selbst von Leid betroffen ist, oder ob das eher seine Kinder oder Enkel erfahren müssten. Für mich macht es keinen Unterschied. Die Vorstellung des Leides der nachfolgenden Generationen beschäftigt mich seit Jahren und lässt mich nicht schlafen. Die Vorstellung davon ist für mich genauso intensiv, wie das Hier und Jetzt. Vor allem, weil ich mich – so wie wir alle das als Generation tun sollten – auch ein Stück weit verantwortlich dafür fühle.

Wir haben es also mit einer Zeit der großen Krisen zu tun. Rein geschichtlich gesehen ist das nicht überraschend. Es gab in unserer Menschheitsgeschichte immer Zeiten, die gut oder weniger gut waren. Kriege, Seuchen – all das begleitet uns quasi schon immer.

Nun haben wir allerdings alle gedacht, wir wären jetzt als Menschheit soweit, dass wir solchen Zeiten des Leids entwachsen sind. Dass wir zu klug sind, um unsere Menschheit durch Kriege an den Rand des Chaos zu stürzen. Dass wir um unsere Zerbrechlichkeit wissen uns spätestens seit Corona auch begriffen haben, dass wir alle miteinander verbunden sind – ob wir das wollen oder nicht.

Wir haben also gedacht, wir wären den Krisen entwachsen, haben uns in einem sicher scheinenden Wohlstand eingerichtet und schauen nun recht ungläubig über unseren Tellerrand hinaus auf eine bebende und unsichere Welt. Krisen nehmen also weiter ihren Lauf und wir Menschen reagieren darauf ganz unterschiedlich.

In die Flucht gehen die Menschen, die nun versuchen, „abzuhauen“, „unterzutauchen“, das Land verlassen. Die Hoffnung trägt sie, dass es in Ländern, die weiter weg sind, vielleicht sicherer sein könnte.

Andere Menschen erstarren – das ist das, was Herr Dr. Müller in seinem Artikel beschreibt und was ihm Angst zu machen scheint. Ich teile seine Angst, denn „Erstarrung“ ist tatsächlich die ungünstigste Form der Reaktion auf Stress. Sie ist nur eine kurze Zeit sinnvoll, vielleicht um sich innerlich zu sortieren, zu ordnen oder zu zentrieren. Doch irgendwann sollte eine adäquate Handlungskompetenz folgen, die lösungsorientiert mit einer Krise umgeht.

Ich erlebe aber auch unterschiedlichste Formen das „Angriffs“, des Tatendrangs, der „Flucht nach vorn“.

In meiner Nachbarschaft zum Beispiel, wurden Rasenbiotope komplett platt gemacht, um Flächen zu schaffen, auf denen großflächig Holz gebunkert wird. Holz scheint ja aktuell so begehrt zu sein, wie in Coronazeiten Klopapier. Um dafür Flächen zu schaffen (für einzelne Familien wohlgemerkt) wurde der Lebensraum von Insekten, Käfern, Igeln zerstört. Bäume wurden gefällt, um die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.

Unsicherheit mutiert dann zur Sicherung des eigenen kleinen Überlebens. Dahinter steckt der Gedanke: „Wenn ich schon das Große ganze“ nicht beeinflussen kann, dann kümmere ich mich vor allem um mich selbst“. Psychologisch gesehen ist das nachvollziehbar, aber für uns Menschen keine zukunftsweisende Handlungsstrategie.

Andere Menschen beobachte ich, die jetzt gerade in diesen unsicheren Zeiten ganz intensiv ins Allgemeinwohl investieren. Die Natur unterstützen, wo sie können, solidarisch helfen, WGs gründen, sich um Flüchtige kümmern, ihre Wohnungen öffnen, Zimmer anbieten – auch das ist eine Form des „Angriffs“, allerdings mit dem Ziel, die Gemeinschaft zu sichern und nicht nur den eigenen, kleinen Bereich – der ja letztlich doch mit allem verbunden ist, auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen.

Wir sind als Menschheit an einem wichtigen Punkt angekommen. Denn Krisen sind immer Situationen, in denen wir uns weiterentwickeln können, vielleicht sogar müssen.

In meinem Buch „Das belebte Leben“ schreibe ich:

Letztlich sind wir als Menschen in der Lage zu lernen. Uns weiterentwickeln zu können, macht uns besonders, ist unsere Pflicht und unsere Aufgabe als Mensch. Sich nicht weiterzuentwickeln bedeutet Stagnation, bedeutet Stillstand, bedeutet Aufgeben. Und diese unsere Fähigkeit sollte uns irgendwann auch dahin führen, diese Weiterentwicklung nicht nur in uns selbst zu sehen, sondern auch in der Menschheit als Ganzes. Wir müssen uns als Menschen weiterentwickeln im Sinne von Sozialität und Empathie, um eine Chance zu haben, auf dieser Erde als Menschheit bestehen zu können.

Weiterentwicklung ist das Gegenteil von Erstarrung, lieber Dr. Henrik Müller und tatsächlich ist es genau das, was wir Menschen gerade dringend brauchen.

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