„Was ist, wenn mein größtes Problem nicht die Männer sind, sondern andere Frauen?“ Die weibliche Führungskraft, mit der ich im Gespräch bin, ringt sichtlich um Fassung.
Ich weiß genau, was sie meint. Aus Erzählungen von Klientinnen und aus eigenen Erfahrungen. Erfahrungen, die mich wirklich getroffen haben. Weil sie mit anderen Frauen zu tun hatten.
Wenn eine Frau selbstbewusst ihre Meinung äußert, klare Grenzen setzt oder sich sichtbar macht, kommt der Gegenwind nicht selten von anderen Frauen.
Warum? Weil Selbstbehauptung weiblich nicht vorgesehen ist. Zumindest nicht in vielen tradierten Rollenbildern, in denen Fürsorge, Rücksicht und Anpassung als weiblich gelten.
Was passiert also psychologisch?
Die selbstbewusste Frau konfrontiert das Selbstbild anderer Frauen. Sie zeigt: Es geht auch anders. Und das tut weh. Vor allem dann, wenn Frauen ihr Leben lang gelernt haben, sich anzupassen, zu vermitteln, nicht „zu viel“ Raum einzunehmen. Wenn Frauen „nett“ waren, um dazuzugehören.
Dann ist diese EINE Frau eine Herausforderung. Oder eine Bedrohung.
Das kann inspirieren, oder provozieren. Denn es tut weh, wenn Frau erkennt, wie sehr man sich selbst begrenzt hat.
Die Folge: Anstatt sich ermutigen zu lassen, wenden sich manche Frauen gegen die, die ihnen den Spiegel vorhalten. Manchmal offen, manchmal subtil: durch Abwertung, Schweigen, Ausgrenzung, Konkurrenzverhalten.
Wir reden viel über „Female Empowerment“. Aber echte weibliche Solidarität heißt auch: Dass wir andere Frauen nicht bekämpfen, weil sie mutiger, lauter oder freier sind, als wir es uns bislang erlaubt haben.
Was wir oft als „Stutenbissigkeit“ abtun, hat tiefere Wurzeln.
Frauen wurden über Jahrhunderte nicht als Verbündete sozialisiert, sondern als Konkurrentinnen, im Kampf um Anerkennung, Aufmerksamkeit, soziale Absicherung. In vielen Strukturen, auch in Unternehmen, gibt es immer noch „nur einen Platz an der Spitze“ und wer es als Frau dorthin geschafft hat, soll sich dann vor allem nicht „wie ein Mann“ verhalten.
Da wird Klarheit mit Härte verwechselt. Selbstbewusstsein mit Dominanz. Zielstrebigkeit mit Zickigkeit. Warum? Weil das bei Frauen tolerierte Verhalten sehr viel enger und begrenzter definiert wird als bei Männern.
„Die ist zu laut.“ „Die meint wohl, sie ist was Besseres.“ „So wie die würde ich mich nie hinstellen.“
Das Patriarchat lebt nicht nur in Machtstrukturen, es lebt auch in den kleinen und großen Abwertungen unter Frauen.
Interessant ist doch:
Was löst die andere Frau in mir aus? Warum will ich sie klein machen, statt mich selbst zu entfalten? Warum halte ich ihre Klarheit nicht aus? Könnte ich von ihr lernen, anstatt sie zu bekämpfen?
Die größte Kraft entfalten Frauen nicht im Wettbewerb, sondern in Verbindung.
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